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Lebensrückblick von Nikolaus Marxen

Nikolaus Marxen

Nikolaus Marxen (*24.10.1872 †10.03.1934) war Vater von neun Kindern, darunter der sel. Josef Marxen. Zu seinem 60. Geburtstag schrieb er mit linker Hand - er war rechtsseitig gelähmt - zunächst einen Lebensrückblick, den sein Sohn Josef am 19. November 1932 abschrieb. Am 61. Geburtstag verfasste er einen zweiten Teil („Aus meinem Leben, Teil II“), der sich am Ende an einen der Söhne, vermutlich Josef, richtet. Auch dieser Teil wurde von Josef auf Bitte des Vaters hin abgeschrieben.

Die einleitenden Seiten sind in Originalschrift belassen. Zur besseren Lesbarkeit wurden im Text Überschriften eingefügt.

Erinnerungen von Nikolaus Marxen

Aus meinem Leben I

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Anmerkung: Sie können jede einzelne Seite neben dem Text in Großansicht öffnen. Beim Klick auf die Titelseite können Sie digital durch das ganze Originalmanuskript blättern.

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Meinen Kindern
besonders
den studierenden Söhnen:
Theodor – Josef – Alfons
zu
meinem 60. Geburtstage
24. Okt. 1932
gewidmet.

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Zweck der Schrift:
Dank
und
Vertrauen gegen Gott

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Herkunft

Am 24. Oktober 1872 wurde ich zu Görgenmühle (Trier-Land) geboren. Der Vater hieß Theodor Marxen, die Mutter Katharina geborene Müller.

Die Eltern betrieben neben einer Mahlmühle etwas Landwirtschaft und auch Viehzucht. Meine Jugend bis zur Schulentlassung im Jahre 1887 verlebte ich in Görgenmühle bei den Eltern und den 5 Geschwistern.

Tod des Vaters

Im Jahre 1883 starb der Vater infolge eines Pferdehufschlages, 42 Jahre alt, nach kurzem Krankenlager.

Im 1. Jahre nach meiner Schulentlassung kam ich zum Nachbar, Onkel Schneider, dessen Frau eine Schwester von Vater war. Hier mußte ich das Vieh füttern, mit den Pferden gehen u.s.w. Der Lohn war für`s Jahr: 9 Mark, 1 Winteranzug, 1 Sommeranzug (selbstgesponnenes, leinen-baumwollenes Tuch), 1 blauer leinen Werktagsanzug, 1 Paar Werktagsschuhe, 1 Paar Sonntagsschuhe, 6 Leinen-Hemden und 1 Pfund Garn für Strümpfe.

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Nach Vaters Tod begann eine traurige Zeit, Die Eltern hatte eine Hypothek von 500 Thalern aufgenommen. Die Gläubiger drängten, so daß Mutter das beste Land versteigern mußte. Dazu kamen Unglücksfälle mit den Pferden u.s.w. Es war eine betrübte, harte Zeit. Vom Nachbar verwandtlicher Seite wurde Mutter immer wieder geraten, alles zu verkaufen, aber, Gott sei Dank, das tat Mutter nicht.

Der älteste Bruder von Mutter, ein unverheirateter tüchtiger Fachmann, war damals bei Saarbrücken als Obermeister in Stellung. Mutter reiste hin und Onkel Christian kam zu uns. Onkel Christian war wohl ein tüchtiger Müller aber mehr auch nicht. Vater hatte, da er ein gut gehendes Fuhrgeschäft betrieb, 4 Pferde hinterlassen. Onkel wußte mit Pferden nichts anzufangen und ließ eins nach dem andern zugrunde gehen. Das letzte, eine starke, wilde Natur blieb und wir Brüder besonders Johann und Anton haben mit Hilfe des Pferdes noch viel Geld verdient zu unserer Rettung.

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Verwandtschaft

Hier will ich noch etwas von der Verwandtschaft erzählen. Vater hatte zwei Brüder und drei Schwestern: Onkel Johann, Onkel Nikolaus, mein Taufpathe, Tante Mick (aus Roth bei Zemmer), Tante Krever (aus Pfalzel bei Trier) und Tante Schneider (Kimmlingen).

Mutters Verwandtschaft waren 2 Brüder und 2 Schwestern: Onkel Christian, von dem oben erzählt wurde, Onkel Johannes, gestorben 1881 an Schlaganfall, Tante Helena Brau (in Hinkel, Luxemburg), Tante Susanna Marxen (in Ralinger Mühle bei Ralingen).

Wanderjahre

Nachdem ich vom Onkel Schneider, Kimmlingen, abgezogen war, kam ich zu einem größeren Bauern mit 6 Pferden und 20 Stück Rindvieh als Pferdejunge. Hier verdiente ich pro Jahr 60 Mark bei obigen Zutaten. Das war in Kerscherhof bei Wintersdorf. Hier gefiel es mir gut.

Um mehr zu verdienen ging ich später zur Tonwarenfabrik in Wasserbillig. Im Herbst 1890 kam ich nach Cordel auf eine Holschneiderei zum Kesselheizen.

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Im Frühjahr 1891 zog ich mit einem jungen Manne, der in der Solinger Industrie Bescheid wissen wollte, nach Solingen in der Hoffnung, dort viel Geld zu verdienen. Aber unser Plan ging fehl. Zuletzt arbeiteten wir beide bei einem Bauern bei Düsseldorf. Nach kurzer Zeit war mein College verschwunden unter Mitnahme eines Teiles meiner Kleider.

Nun zog ich arbeitssuchend ins Bergische Land. Hier wurde in Burscheid eine katholische Kirche und Pfarrhaus gebaut. Dort fand ich lohnende Beschäftigung.

Erste Heimkehr und Tod der Mutter

Im Herbst 1891 wurde in Trier der hl. Rock gezeigt und da schrieben die Unsrigen, ich solle nach Hause kommen. Von 91-93 arbeitete ich als Tagelöhner mit Bruder Johann und Theodor auf dem Steinbruche. Im Mai 93 starb Mutter. Unsere Mühle hatte jahrelang stillgestanden. Im August nahm ich Pferd und Wagen und fuhr auf die Dörfer Kundschaft suchen. Anfangs war es bitter schwer, welche zu finden, aber es ging bald gut.

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Soldat

Im Oktober 93 mußte ich Soldat werden. Bruder Anton diente bereits im zweiten Jahre. Durch einen glücklichen Zufall kamen wir beide zu einer Kompagnie, Regiment No 70 in Saarbrücken. Im Herbst 95 kam ich vom Soldatendienst zurück. Bis 98 war ich zu Hause und besorgte die Mühle.

Ausbildung und Volontariat

Im August 98 kam ich nach Hinsbeck zur Schule. Ich wollte Landwirtschaft lernen.

Von Hinsbeck kam ich auf die Domäne Eichenberge bei Juchowo in Pommern. Dort habe ich viel geweint und viel Heimweh ausgestanden. Die Gegend und die Menschen kamen mir wild vor. Mein einziger Trost waren das Gebet und die Arbeit. Je bekannter ich wurde, desto trauriger wurde ich. Alles evangelisch, keine Kirche, keine Kapelle, nichts Religiöses weit und breit. Sonntagsmorgens ging ich einsam übers Feld und hielt still meine Andacht in dem Gedanken: Jetzt ist man zu Hause in der Kirche.

Es sind doch arme Menschen in diesen andersgläubigen Gegenden.

Meine Sehnsucht war, recht bald von dort fort zu kommen.

Die Besitzung war so groß, daß ein ganzer Tag nötig war, um die Grenzen zu umgehen.

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Die Herrschaft war gut zu mir und hat versucht, mich zu halten, aber ich konnte nicht bleiben, zumal da ich nichts verdiente und nur als Voluntär angenommen war. Nur die Hinreise sollte mir vergütet werden. Am 4. Januar 1899 war der Eintritt und am 12. März 1899 der Austritt.

Anstellung als Hofmeister

In „Feld und Wald“ suchte ich nun eine Stelle als Hofmeister und fand eine solche in Wietmarchen, Station Lingen, Provinz Hannover.

Hier war ebenfalls ein großes Gut mit Kornbrennerei. Ebenfalls eine halb wilde Gegend. Der Besitz gehörter einer Bank-Firma aus Pappenburg an der Ems. Hier war Geld genug. Gerade das Gegenteil von Eichenberge. Eichenberge mußte ich erst beim Gericht in Stettin verklagen, ehe ich Reisegeld erhielt. Der Verwalter in Wietmarchen, Herr Bo… (aus Worringen bei Köln zu Hause) schrieb mir um Gehaltsfrage. Nun wußte ich nicht, was ich fordern sollte, denn um jeden Preis wollte ich die Stelle gerne haben. Ich stellte nun die Forderung:

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monatlich 60 Mark, dabei Kleben, Krankenkasse, Kost und Logis frei. Postwendend erhielt ich brieflich Bescheid: „Mit Allem einverstanden.“

Wie glücklich war ich nun!

Man erwartete mich am 15. März am Bahnhof Lingen. Am 12. März fuhr ich von Eichenberge bis Stettin, am zweiten Tage bis Berlin, am dritten Tage bis Hannover, und dann nach Lingen. Wie freute sich mein Herz, der Heimat wieder näher gekommen zu sein. Auffallend am St. Josefstage, 19. März, besuchte ich nach Monaten zum erstenmale wieder eine hl. Messe. Wie glücklich war ich da! In Wietmarchen hat alles gut gegangen und ich dankte Gott, der mich ja sichtbar geführt und bewahrt hatte. In Wietmarchen erlebte ich den Übergang 1900.

Zweite Heimkehr

Mein Bestreben war, noch näher zum Rheinlande zu kommen. Am 1. Juni 1900 kam ich zu Witwe Julius Velten in Dorsten, Westfalen. Hier war es nicht so gut. Im Dezember 1900 fuhr ich wieder nach Görgenmühle.

Die Unsrigen dachten, jetzt bliebe ich zu Hause.

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Eine Stelle als Verheirateter

Aber der liebe Gott hat es anders bestimmt. Ich suchte eine Stelle, wo Verheiratung gestattet war. Gutsverwaltung Schlenderhahn suchte einen jungen Mann, der verheiratet war oder bald heiraten wollte. Wir wurden einig und am 15. März 1901 trat ich in Schlenderhan ein. Der damalige Inspektor Schmitz, dem ich unterstand, versprach mir alles, sogar eine Lebensstellung u.s.w.

Später überwarf sich Schmitz mit der Herrschaft und ich hatte furchtbar darunter zu leiden. Unsere Verheiratung war am 24. Juni 1901.

Die ersten Kinder und weitere Umzüge

Als nun später Schmitz`s Stellung immer schlechter wurde, zogen wir am 15. Mai 1902 nach Oberweiler bei Saarburg (Lothringen). Max wurde am 18. Juli 1902 in Oberweiler geboren, Carl am 3. Oktober 1903 ebenda. Im Mai 1904 kamen wir nach Worringen bei Köln. Im Frühjahr 1909 kamen wir nach Vronkoverhof bei Grevenbroich.

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Am 1. Oktober 1910 kamen wir nach Bermeshausen bei Speicher in der Eifel. Hier war es schön, so ganz selbständig zu sein.

Im Oktober 1913 zogen wir über nach Schönfeld.

Im April 1922 kamen wir nach Gut Vogelsang bei Münstereifel.

Am 1. April 1926 kamen wir nach Nettersheim zu Witwe H. J. Hefs.

Am 18. April 1928 kamen wir nach Lötsch.

Dank

Nun habe ich versucht, meine 60 Jahre noch einmal zu durchleben und Gott zu danken für all die vielen Gnaden und Wohltaten.

Es war eine schwere Aufgabe für mich, alles mit der linken Hand zu schreiben, aber Geist und Wille waren gut. Es machte mir eine gewisse Freude, mein Leben noch einmal im Geiste zu durchleben.

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Gott sei gedankt für alle guten und bösen Tage!

Die Sorge um mein Fortkommen in der Welt lag auch schwer auf mir und der Kampf ums Dasein war oft bitter. Deshalb im Leben nie verzagen!

„Wer auf Gott vertraut, hat auf festen Grund gebaut."

Ich danke Euch herzlich für Eure Glückwünsche. Unser einziger Wunsch im Alter ist: „Daß die Kinder nur brav bleiben.“

Bis jetzt hatte ich noch immer die Kraft, täglich zur hl. Messe gehen zu können, obschon es oft schwer fällt. Nur hier finde ich Trost und Stärke in meinen vielen Anliegen.

In erste Linie empfehle ich Euch drei (Theo, Josef, Alfons) dem hochhl. Herzen Jesu. Besonders beten wir für Theodor. Sicher wird alles gut gehen.

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Es geht uns, Gott sei Dank, gut

Mit vielem Danke und herzlichen Grüßen grüßt Euch Euer (hier ist Platz für die Unterschrift gelassen)

 

Viele Grüße auch vom Schreiber. 19. Nov. 1932

Aus meinem Leben - Teil II

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Einleitung

Seit dem 22. März 1929 bin ich rechtseitig gelähmt. Von erster Stunde an kam mir der Gedanke: „Der liebe Gott will dich Geduld lehren.“ Die Gnade Gottes gab mir bisher die Kraft, mein Leiden in Ergebung zu tragen. Zu vielem Danke gegen Gott bin ich verpflichtet, dass ich bisher noch täglich zur hl. Messe gehen konnte und Gottes schöne Natur soviel bewundern durfte.

Im vorigen Jahre habe ich versucht, meinen Lebenslauf zu schreiben so gut und schlecht als es mir und meinem ungebildeten Verstande möglich war.

Dieses Jahr möchte ich versuchen, all der lieben Menschen zu gedenken, ob verwandt oder nicht verwandt, bekannt oder nicht bekannt, die seit meinen Kindertagen mir begegnet sind, die an Leib und Seele mir Gutes erwiesen haben, sowie derer, die unauffällig meinen Lebensweg gekreuzt haben.

Großeltern

Anfangs möchte ich bemerken, unseres Vaters Eltern hießen: Dominikus Marxen und Luzia Marxen geborene Classen. Diese sind in den vierziger, fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von Welschbillig nach Görgenmühle gezogen. Vater soll damals 4 Jahre alt gewesen sein. Mutters Vater hieß Johann Müller, Mutters Mutter hieß Westermann. Die Eltern von Mutters Seite sollen von Mandernach stammen.

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Tanten und Onkel

Unser Vater (Theodor Marxen) hatte drei Brüder und drei Schwestern. Unserer Mutter (Katharina Müller) hatte zwei Brüder und drei Schwestern. Einer lieben Person möchte ich mich hier besonders erinnern. Es ist die Schwester unseres Vaters, unsere Nachbarin, Frau Schneider. Die meisten Stunden meiner Kindheit habe ich bei dieser Tante verbracht. Hier gab es immer etwas Leckeres. Die Tante saß viel am Spinnrad und ich spielte mit Papierstreifen am Spinnrad u.s.w. Eines Morgens hatte Mutter mich schön gewaschen und sagte: „Nun lauf schnell nach Tante Schneider.“ Auf der Dungstätte war der Hahn, ein schwerer Kerl. Der flog mir auf den Kopf und wollte mich totbeißen. Voll Blut und laut schreiend wurde ich ins Haus getragen. Seitdem ging ich nicht mehr allein zur Tante. Die meiste Zeit, wenn Mutter oder einer der älteren Geschwister mich suchten, saß ich am Wasser hinterm Haus.

Ich erinnere mich noch gut, daß ich später einmal zur Mutter sagte: „Wenn ich einmal Geld verdiene, geb´ ich es Dir all`.“

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Besuch bei Verwandten

Mutter nahm mich oft mit nach Hilkel zur Gechter Klaus, wo die schmerzhafte Mutter Gottes verehrt wird. Wir gingen zu Mutters Tante Mimi Linn (Helene) Frau Jakob Braun. Die wohnten dicht an der Sauer. Gleich hatte der liebe Onkel eine Portion Fische gefangen und dann gab`s leckere, gebackene Fische. Hier wohnte auch meine Patentante (Gott), die Schwester vom Onkel Braun. Für mich war es die größte Freude, an der Sauer zu spielen. Auf dem Heimweg besuchten wir dann noch eine Tante im Dorf „Olk“. Ob diese Tante zur Verwandtschaft oder Bekanntschaft gehörte, weiß ich nicht. Mutter nahm mich gerne mit, weil, sagte sie, ich wäre immer am schwätzen.

Auf der Ralinger Mühle wohnte mein Taufpate. Dorthin nahm mich Mutter mit. Dort sollte ich eine Zeit lang in Ferien bleiben. Eines Tages spielte ich am Mühlenteich und warf mit Steinen. Das Unglück wollte, daß ich ein Fenster kaputt warf.

Groß war das Unglück und damit war mein kindlicher Himmel eingebrochen. Man brachte mich halbweg auf den Heimweg. Wie bebte und jammerte das kleine Herz vor Kummer und Weh!

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Ein Cousin stirbt

Onkel Schneider und Tante hatten einen Sohn Thomas, der auf Volksschullehrer studierte. Bei dem brachte ich viel Zeit zu und dieser lehrte mich schon frühzeitig lesen und schreiben. Im Jahre 1887 sollte er angestellt werden, aber er war schon vorher an Schwindsucht erkrankt. Als seine Collegen ihre Stellen antragen, war sein Todestag.

Im Jahre 1887 war ich an Ostern aus der Schule entlassen worden und war beim Onkel Schneider zum Viehhüten.

Der Tod des Vaters

Unser Vater starb am 4. Februar 1883. Wie gut kann ich mir den Trauerfall noch vorstellen! Ich war damals 9 ½ Jahre alt. Ich mußte zum Bürgermeisteramt Ehrang die Todesnachricht bringen. Da hörte ich, wie der Bürgermeister zum Sekretär sagte: „Jetzt geht alles auseinander.“ Aber noch besser erinnere ich mich der Zeit nach dem Tode des Vaters. Besonders des Kummers und der Sorgen der Mutter kann ich mich noch gut erinnern.

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Handwerker

Des weitern erinnre ich mich noch viel eines Stellmachers aus Butzweiler, der für Vater immer die Geschirre reparierte und Spielwagen machte. Desgleichen erinnere ich mich eines Schneiders Backes aus Butzweiler, der uns die Buxen machte.

Auch eine Näherin aus Gilzem kam oft ins Haus arbeiten.

Eines gewissen Michael Ungeheuer aus Butzweiler, der uns Anfang der achtziger Jahre eine Dreschmaschine baute, erinnere ich mich noch gut.

Um diese Zeit baute der Mühlenbauer Schlang aus Ruver (?) uns ein neues Wasserrad.

Das alles geschah noch vor Vaters Tod. Jetzt hörte die Herrlichkeit für uns auf, weil überall der Vater fehlte. In diesen Jahren war der Jammer groß und es gab keine Unterstützung wie heute, aber Gott verläßt eine Witwe und ihre Waisen nicht.

Todesnachricht beim Schreiben

Beim Schreiben dieser Zeilen kommt die Nachricht vom Tode Bruder Theodors. – Herr, gib ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihm! Herr, laß ihn ruhen im Frieden!

Ist dies nicht beinahe derselbe Trauerfall wie unserer Mutter selig. Solange Vater und Mutter zusammen bei ihren Kindern sind, sind die Sorgen nur halb so groß. Gott gebe den geprüften Lieben den Geist des Trostes und der Stärke, daß sie viel Trost und Ergebung in ihrem Leid finden.

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Mit Bruder Theodors Tod ist der Anfang gemacht. Nun bin ich an der Reihe.

Durch den Todesfall veranlaßt, will ich meine Erinnerungen abschließen und dafür lieber den Rosenkranz beten für all die Anliegen.

Das Schreiben ist schwer für mich, aber noch schwerer ist das Herausbuchstabieren. Aber ich denke, mit etwas Geduld und Lieben wird es gelingen, denn viel Geduld und Liebe hat es mir auch gekostet.

Besonders danke ich Dir, lieber Josef, für einen lieben Brief. Ein ganzes Jahr habe ich Dir nicht mehr geschrieben, aber glaube es mir, Tag und Nacht, im Rosenkranz und bei der hl. Messe habe ich an Euch gedacht. Uns so soll es auch in Zukunft sein.

Mysteriöser Tod einer Schwester

Eines Bruders, ein Jahr jünger als ich, sie hier noch gedacht. Er ist ganz jung gestorben. Mutter erzählte auch von einer Schwester. Dieser erschien in der Nähe der Mühle ein großer Vogel, der schrie: „Komm mit, kommt mit!“ Andern Tags sei sie gestorben. Auch Hexengeschichten hat Mutter viel erzählt.

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Pilgerfahrt

Nun sei noch meine Pilgerfahrt mit Carl zum hl. Rock erwähnt. Im Jahre 1891 habe ich den hl. Rock auch gesehen, aber nicht so andächtig und ehrfürchtig wie diesmal. Es war eine schöne Wallfahrt, besonders für Carl unvergeßlich.

Von hier bis M.-Gladbach waren viel Bekannte im Zuge, sodaß vor Erzählen und Sprechen an ein Beten nicht zu denken war. Von M.-Gladbach bis Köln haben wir gebetet. Von Köln bis Trier war wegen der vielen Sehenswürdigkeiten an ein Beten wiederum nicht zu denken. In Trier wurde die Spannung immer größer bis zum Augenblick, wo wir vor dem hl. Rocke standen. Die Eindrücke und Gedanken, die in diesem Augenblicke einen überkommen, sind unbeschreiblich.

Gruß an eins der Kinder

Verzeihe, daß wir Dir keine Karte schrieben. In Gedanken dachten wir doch an Euch Lieben alle. Hier will ich mein Schreiben schließen, um Dir die Todesnacht von Onkel Theo zukommen zu lassen. Zum Buchstabieren des Schreibens wünsche ich Dir ein großes Paket Geduld und Zeit und bitte, wenn möglich um die Reinschrift.

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und aller Lieben täglich im Gebete zu gedenken. Leben wohl mit vielen Grüßen

Dein Vater.

Geschrieben zu Lötsch am 61. Geburtstag (24. X. 1933) als Gegenstück zum Schreiben vom 60. Geburtstag im vorigen Jahre.

Nicolaus Marxen

Geboren am 24.X.1872 zu Görgenmühle, Gemeinde Butzweiler, Landkreis Trier