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Kardinal Woelki: Impuls der Woche

Einheit in Gott

Wer die Jahre um 1989 bewusst erlebt hat, weiß, wie erstaunlich das Datum des 3. Oktober für uns Deutsche ist: Ein geteiltes Land, zwei Systeme im Misstrauen – und dann fällt die Mauer. Was als dauerhaft unvereinbar galt, wird zur Realität einer neuen Einheit. 

Über dreißig Jahre später spüren wir jedoch: Diese Einheit steht wieder auf dem Spiel. Brüche werden neu sichtbar – in Wahrnehmungen, im politischen Klima, im gegenseitigen Urteil. Es wirkt, als sei Einheit lange vor allem als gemeinsame Ordnung verstanden worden: gleiche Institutionen, gleiche Gesetze, gleiche Strukturen. 

Unserem christlichen Glauben zufolge kommt Einheit ganz anders zustande. Gott und Mensch finden in Jesus Christus, dem Gottessohn zueinander. Auch in der Politik brauchen wir ein anderes, ein neues Verständnis von Einheit. Wir benötigen eine dritte Größe, die Einheit ermöglicht. Diese „dritte Größe“ ist Gott selbst. Er bewirkt Einheit, die unmöglich erscheint, die Ordnungen und Institutionen übersteigt. Das ist eine Utopie - so werden Sie sagen. Ja, aber ich glaube an diese Utopie.