Einstimmige Empfehlung der Wettbewerbsjury:Sieger-Entwurf des Internationalen Kunstwettbewerbs Kölner Dom steht fest
Seit einigen Jahren setzt sich das Kölner Domkapitel mit der Frage nach einem angemessenen Umgang mit den zahlreichen Artefakten im Kölner Dom auseinander, die von erschreckender Judenfeindschaft zeugen. Zunächst wurden diese Artefakte erforscht und kontextualisiert – in Publikationen, einer Ausstellung und Themenrundgängen. Im August 2023 hat das Domkapitel einen Wettbewerb für ein neues Kunstwerk für den Kölner Dom ausgelobt. Dieses soll im Bewusstsein der christlich-jüdischen Geschichte den Blick auf Gegenwart und Zukunft richten.
Im Dezember 2023 gab das Domkapitel die Namen der 15 Kunstschaffenden bekannt, die zuvor die Einladung zur Teilnahme am Internationalen Kunstwettbewerb für den Kölner Dom bestätigt hatten.
Bis Mitte August 2024 hatten die Künstlerinnen und Künstler Zeit, ihre Ideen auszuarbeiten. Am 19. September 2024 hat die Wettbewerbsjury unter dem Vorsitz der Saarbrücker Architektin Prof. Andrea Wandel aus den 15 eingegangenen Entwürfen vier besonders überzeugende Umsetzungsideen ausgewählt. Bis zum 4. Februar 2025 hatten die Finalisten in der sogenannten Vertiefungsphase des Wettbewerbs Gelegenheit, ihre Arbeit weiterzuentwickeln. Am 20. März 2025 hat die Jury den Siegerentwurf gekürt und dem Kölner Domkapitel zur Umsetzung empfohlen.
Der Sieger-Entwurf
Der Entwurf der Berliner Künstlerin Andrea Büttner sieht ein Wandgemälde an der Stirnwand der Marienkapelle des Kölner Domes vor. Es soll über dem von Stefan Lochner im Jahr 1442 geschaffenen Altar der Stadtpatrone realisiert werden. Die geplante Wandmalerei soll das Steinfundament des Thoraschreins aus der ehemaligen mittelalterlichen Synagoge Kölns in Originalgröße zeigen (Länge ca. 211 cm, Höhe ca. 85 cm).
Der Altar von Lochner stand ursprünglich auf dem erweiterten Fundament des Thoraschreins in der ehemaligen Synagoge des mittelalterlichen jüdischen Viertels Kölns und ersetzte den Schrein nach dessen Beschädigung im Pogrom 1349 und der Umwidmung der Synagoge zur Ratskapelle.
Das geplante Kunstwerk verbindet die Geschichte des jüdischen Quartiers mit dem Dom. Es erzählt eine Geschichte von Fundament und Überformung. Der Altar der Stadtpatrone ist ein christliches Kunstwerk, welches die jüdische Geschichte Kölns berührt. Das geplante Kunstwerk stellt sich dieser Unsichtbarmachung und Überformung jüdischen Lebens und jüdischer Geschichte entgegen, indem es von der Ersetzung eines Thoraschreins durch einen christlichen Altar und der Präsenz jüdischen Lebens in Köln erzählt.
Umsetzung
Ein Detail auf der Werktagsseite des Altars der Stadtpatrone zeigt eine Holzdecke (der Raum, in dem die Verkündigung an Maria stattfindet). Es ist eine Malerei, die auf Holz als Träger Holz darstellt. Ähnlich wird es darum gehen, auf Stein zu malen. Die Malerei soll entweder auf einer Putzschicht oder auf einem geschlämmten Untergrund realisiert werden.
Ausgeführt in Secco-Technik soll die Wandmalerei einen direkten Bezug zur Steinmauer des Kölner Domes herstellen. Der Umraum des Thoraschreinfundaments wird in tiefem Schwarz gemalt, der Stein soll realistisch und auf Fernwirkung angelegt dargestellt werden. Es soll der Eindruck entstehen, dass das Bild des Fundaments, auf dem der Thoraschrein stand, über dem Altar schwebt.
„Der Kölner Dom ist eines der ganz großen europäischen Kulturdenkmäler und spiegelt viele damit einhergehenden Konflikte wider“, sagt Andrea Büttner. „So auch die christlich-jüdische Beziehungsgeschichte, den christlichen Antijudaismus und den damit verbundenen modernen Antisemitismus. Es ist eine Herausforderung, diesem Denkmal ein neues Kunstwerk hinzuzufügen. Das Kunstwerk wird auf den bisher verborgenen Zusammenhang zwischen einer zerstörten Synagoge aus Köln und einem Altar hinweisen.“
Würdigung des Kunstwerks
Die Jury-Vorsitzende Prof. Andrea Wandel würdigte das Kunstwerk von Andrea Büttner als visuellen „Einschlag“. Es fordere die Betrachtenden nicht nur visuell heraus, sondern auch intellektuell. Die Darstellung des „schwebenden Steines“ bringe eine zum Nachdenken anregende Ambivalenz ins Bild.
„Mit seiner visuellen Präsenz und Radikalität nimmt das Werk aus unserer Sicht auf sehr konzentrierte Weise einen Dialog mit den vielen antijüdischen Artefakten im Dom auf“, sagte Dompropst Msgr. Guido Assmann. „Der Prozess der Aufarbeitung dieser antijüdischen Artefakte im Kölner Dom wird durch dieses Werk nicht als abgeschlossen oder geheilt verklärt. Es lädt konstant und mahnend ein, dass wir uns exemplarisch mit der Geschichte dieses Fundaments, seiner Überformung und Neu-Positionierung auseinandersetzen – und am christlich-jüdischen Verhältnis generell arbeiten.“
Das Domkapitel habe die Dombauhütte in Abstimmung mit der Künstlerin mit einer Detailplanung zur Umsetzung des Werkes beauftragt. Zu ihr gehöre auch die Präzisierung eines Zeit- und Kostenrahmens. Man gehe aktuell von Umsetzungskosten in fünfstelliger Höhe aus.
Weihbischof Rolf Steinhäuser, Domkapitular und Bischofsvikar für Ökumene und interreligiösen Dialog im Erzbistum Köln, betonte: „Auf die Steinwand hinter und oberhalb des Altars der Stadtpatrone will sie in Originalgröße das Steinfundament des Thoraschreines malen. Damit macht sie schmerzliche Zusammenhänge unübersehbar deutlich. Der Eingriff Andrea Büttners verändert die Optik dramatisch. Der Dom und die Stadt stellen sich zu dem großen Unrecht, das den jüdischen Mitmenschen zugefügt wurde. Judenpogrom und Vertreibung werden durch dieses Denkmal dauerhaft erinnert.“
Auch Abraham Lehrer, Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Köln und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, würdigte das Kunstwerk und verwies auf dessen deutliche Aussage: „Das Wandbild macht einen neuralgischen Punkt im jüdisch-christlichen Verhältnis sichtbar, zeigt eine offene Wunde in diesen Beziehungen und lässt den Altar der Stadtpatrone auch als Zeugnis beschämender christlicher Machtinteressen erkennen. Der Eingriff der Künstlerin spiegelt das jüdisch-christliche Verhältnis auf subtile Weise: Er reflektiert die Stadtgeschichte hinsichtlich des belasteten Verhältnisses und zeigt beispielhaft eine tiefe Verletzung.“
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