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Service

Klein, aber oho: Ein Salbgefäß in St. Nikolaus in Bonn-Kessenich

Bonn-Kessenich, St. Nikolaus. Salbgefäß, Hein Wimmer
Datum:
1. Apr. 2025
Von:
Silke Ingenhorst
Objekt des Monats - April 2025

Hein Wimmer, Köln, 2. Viertel 20. Jh.
Silber (900), vergoldet, getrieben, emailliert, graviert

Inschriften: (+) AVE SANCTUM OLEUM. Unterseitig der Zarge gestempelt: Bergischer Efeu (Meisterzeichen Hein Wimmer, Köln) / 900 (Feingehaltsangabe Silber)

Ein kleinformatiges Deckelgefäß in zylindrischer Form, es misst gerade einmal 4 cm im Durchmesser und 2 cm in seiner Höhe, fiel bei der Inventarisierung in St. Nikolaus in Bonn-Kessenich sofort wegen seines qualitätsvollen Emails, das die Deckelfläche ziert, ins Auge. Dargestellt ist eine weiße Taube, die in geöffneten Handflächen ruht. 

Das kleine zylindrische Döschen setzt sich aus ineinander gesetzten Zargen mit solider Wandstärke zusammen. Ein kräftiger Fußring in Rechteckprofil sorgt für sicheren Stand und hebt den Hauptgefäßkörper wenige Millimeter vom Boden ab. Umlaufend verrät eine handgravierte Inschrift die Bestimmung des Kleinods zur Aufnahme heiliger Öle: „AVE SANCTUM OLEUM“ („Sei gegrüßt, heiliges Öl“).

Die drei heiligen Öle werden in der christlichen Liturgie bei der Spendung verschiedener Sakramente gebraucht. Man unterscheidet zwischen Chrisam („Sanctum Chrisma“), das vor allem für Taufe und Firmung, Priester- und Bischofsweihe, Altar- und Kirchweihe sowie Sakramentalien verwendet wird, dem Katechumenöl („Oleum Catechumenorum“) zur Salbung der Täuflinge und dem Krankenöl („Oleum Infirmorum“), das zur Krankensalbung Verwendung findet. In der Karwoche werden die heiligen Öle jedes Jahr während der sogenannten Chrisammesse, einem festlichen Gottesdienst, durch den Bischof geweiht und im Anschluss an die Gemeinden der Diözese verteilt. Die Gefäße, in denen die Heiligen Öle in den Kirchen verwahrt werden, zeigen verschiedenste Formen: Von schlichten, zweckmäßigen Gefäßen der Moderne über reich dekorierte Varianten beispielsweise aus der Zeit des Barock, sind der Gestaltung dieser Objekte kaum Grenzen gesetzt.

Das vorliegende Gefäß mit seiner polychromen Gestaltung wurde im 2. Viertel des 20. Jh. vom Kölner Goldschmied Hein Wimmer (1902-1986) gefertigt, wie uns die kleine Punze in Gestalt des bergischen Efeublattes auf dem Standring des Salbgefäßes verrät, welche Wimmers Werke bis mindestens 1939 kennzeichnen. Danach (insbesondere nach 1945) verwendete er ein neues Meisterzeichen, das Trauben in einer Schale zeigt. Dieses kleine Salbgefäß in Bonn-Kessenich ist eine qualitätsvolle Goldschmiedearbeit, die das Können Wimmers, einem Meisterschüler der Kölner Werkschulen, in handwerklichen und gestalterischen Aspekten auf kleinstem Format verdeutlicht.
Für das Motiv wählt Wimmer die Darstellung einer Taube in geöffneten Händen in feinsinnig abgestimmter Nuancierung. Die Taube in reinem Weiß wird von dem blassgelben Inkarnat der Hände und deren pastellgrünen Ärmelabschlüssen mehr abschattiert als gerahmt, während das helle Blau von Hintergrund und Taubenauge sowie der kleine orangerote Schnabel die Komposition um einen sättigenden Akzent bereichern. Auch die Linienführung der Motivkonturen offenbart die hohe gestalterische Qualität dieses Entwurfs, indem die Binnenkonturen der Taubenflügel mit den Fingerkonturen der geöffneten Hände korrespondieren. Wie das Auge der Taube, das im Blauton des Hintergrunds gefärbt ist und optisch mit diesem verschmilzt, führt auch die übereinstimmende Linienführung der Konturen zu einem Eindruck von Durchlässigkeit bzw. Fusion der Motivebenen. Die Taube ist eins mit den Händen und eins mit dem Grund.

In der Darstellungstradition christlicher Kunst ist die Taube unter Bezug auf die Beschreibung der Taufe Jesu im Neuen Testament Symbol für die Verkörperung des Heiligen Geists: „Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam (Mk 1,10)“. Seit dem Konzil von Nicäa (325 n. Chr.) gilt sie als allgemeingültiges Motiv christlicher Ikonographie. In dieser Verbildlichung ist die Taube gleichsam Teil in den Darstellungen der Heiligen Dreifaltigkeit, die wir auch für das Salbgefäß Wimmers annehmen dürfen.

In der Sintflutgeschichte des Alten Testaments (Gn 8,11) kehrt die ausgesandte Taube mit einem Ölzweig zu Noah zurück und wird so zur Friedenstaube, die ihm das Ende der Sintflut ankündigt; Hoffnung im Moment einer untergehenden Welt und damit Symbol für Neuanfang und Versöhnung: „Gegen Abend kam die Taube zu ihm zurück und siehe: In ihrem Schnabel hatte sie einen frischen Ölzweig. Da wusste Noah, dass das Wasser auf der Erde abgenommen hatte.“ Hier markiert die Taube den Übergang zu einem neuen Bund. Auch dieser Aspekt lässt sich auf den Entwurf des Salbgefäßes von Hein Wimmer übertragen, da auch die Sakramente und Sakramentalien, bei denen ein heiliges Öl gespendet wird, selbst einen Übergang im christlichen Leben markieren.

In den Händen auf dem Deckel unseres Salbgefäßes ruhend, unmittelbar dort gelandet oder im Begriff in den Himmel aufzusteigen, ist die Taube all das: Symbol für Frieden und Versöhnung, für Neuanfang und den Heiligen Geist. Sinnfällig und vielschichtig fasst Wimmer den Bedeutungskomplex dieses Motivs und seiner Deutungseben, wenn der Segen des Heiligen Geistes über die salbenden Hände auf den Menschen übergeht.

4 Bilder

Literatur/Quellen

Hein Wimmer (1902 – 1986), Bildhauer und Goldschmied. Offizielle Homepage, https://www.heinwimmer.de/ (zuletzt aufgerufen am 14.03.2025).

Schmidt, Heinrich und Margarethe: Die vergessene Bildsprache christlicher Kunst, München 2018.

Kirschbaum, Engelbert (Hg.): Lexikon der christlichen Ikonographie, Darmstadt 2015.