Betr.: Generalvikar: Aktuelle Information zur Sitzung des Diözesanpastoralrates, heute 30.06.2018
Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Damen und Herren,
an diesem Freitag und Samstag befasst sich der Diözesanpastoralrat auf einer Klausurtagung im Kardinal-Schulte-Haus Bensberg mit Herausforderungen und Perspektiven auf dem Pastoralen Zukunftsweg. Die Tagung steht unter dem Titel: „Gott lässt wachsen. Mutig mit Christus in die Zukunft“. Denn: Es ist deutlich, dass wir als Erzbistum am Beginn einer neuen, wichtigen Etappe stehen. Vor drei Jahren hat unser Erzbischof die Katholiken im Erzbistum Köln auf einen Pastoralen Zukunftsweg eingeladen. In verschiedenen Bereichen unseres Erzbistums gibt es inzwischen erste Erfahrungen mit dem Versuch, eine neue Form des Kirche-Seins zu leben.
Und wir müssen weiter fragen: Wie kann das Erzbistum Köln auf diesem Zukunftsweg eine Kirche im Wachstum werden? Wie wird sie 2030, also in einem guten Jahrzehnt, mutmaßlich aussehen? Darüber hat gestern und heute der Diözesanpastoralrat zusammen mit unserem Erzbischof, mit Fachleuten und Gästen beraten, und von dort schreibe ich Ihnen. Es ist mir wichtig, Sie umgehend und aus erster Hand über unsere Beratungen zu informieren.
Bei der Vorbereitung dieser Klausurtagung war es uns wichtig, dass es Klarheit über die seelsorgliche wie materielle Ausgangssituation unseres Erzbistums gibt und die Mitglieder des Diözesanpastoralrats diese Daten kennen, damit sie den Erzbischof in bester Weise beraten können. Am Freitag stand deshalb zunächst eine Situationsvergewisserung auf der Tagesordnung. Pastoralreferent Frank Reintgen stellte wesentliche Eckpunkte vor: Bei wesentlichen Kennzahlen - Mitgliederentwicklung, Gottesdienstbesuch, Sakramentenspendung - sind im letzten Vierteljahrhundert überall Rückgänge zu verzeichnen. Jahr für Jahr verliert das Erzbistum im Schnitt 17.500 Mitglieder, die Mehrheit davon durch demografische Faktoren (deutlich mehr Sterbefälle als Taufen) - also in der Größenordnung eines mittelgroßen Seelsorgebereichs.
Als Gast in dieser Phase der Bestandsaufnahme war der Münsteraner Priester Thomas Frings eingeladen, von seinen Erfahrungen zu berichten. Aus der Erkenntnis, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, zog Frings 2017 für sich sehr radikale Konsequenzen: er gab seine Tätigkeit als Pfarrer in einer Münsteraner Kirchengemeinde auf. „Ich musste mir eingestehen: ich verwalte immer nur den Rückzug“; er habe aufgehört Pfarrer zu sein, um Priester bleiben zu können. Dabei sei der Abwärtstrend nicht etwa das Ergebnis der oft engagierten Arbeit aller pastoralen Dienste. „Wir sind Zeugen eines zerfallenden Hauses und machen Bestandsschutz.“ Er habe das starre Beharrungsvermögen im Denken und Handeln nicht mehr ausgehalten. Was aber anders machen? Zentrale Schlussfolgerung von Frings: Entscheidend ist die Lebensrelevanz dessen, was wir tun, für die Menschen.
Zur Bestandsaufnahme gehörte schließlich die Vergegenwärtigung und Aktualisierung bereits veröffentlichter Daten. Angesichts von demografischem Wandel und Mitgliederstatistik ist mit veränderten Katholikenzahlen zu rechnen. Zählte das Erzbistum Köln zum Jahrtausendbeginn noch gut 2,2 Mio. Katholiken, davon mehr als die Hälfte (1,2 Mio.) Beitragszahler, so lag die Mitgliederzahl vor fünf Jahren 2013 zwar nur noch bei 2 Mio. Mitgliedern, davon allerdings 1,3 Mio. Kirchensteuerzahler. Hinter diesen auf den ersten Blick paradoxen Daten steht die Tatsache, dass die Altersgruppe der 45- bis 60-jährigen demographiebedingt sowohl in den zurückliegenden als auch den kommenden Jahren zahlenmäßig besonders stark ist und zugleich gut verdient, also einen erheblichen Teil des Kirchensteueraufkommens beiträgt.
Der Leiter unserer Hauptabteilung Seelsorge-Personal Pfarrer Mike Kolb stellte die Personalentwicklung der letzten zehn Jahre dar: 2008 waren noch knapp 1.200 Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferentinnen und –referenten im Einsatz, davon 852 in den Kirchengemeinden. Gegenwärtig (Ende 2017) liegt die Zahl der Pastoralen Dienste bei 1.065, davon in den Kirchengemeinden 817. Diese Entwicklung wird sich im nächsten Jahrzehnt fortsetzen.
Kolb präsentierte Projektionen, die anhand wissenschaftlicher Daten verschiedene Annahmen bei zu erwartenden Priesterweihen, Eintritts- und Ruhestandsalter berücksichtigen. Das Szenario im Jahr 2030 ist immer ähnlich: Bis dahin wird sich die Zahl aller Pastoralen Dienste halbieren, die Mehrzahl von ihnen wird dann über 50 Jahre alt sein, der Bedarf an jüngeren Priestern für Leitungsaufgaben wird die Kandidatenzahl übersteigen, und wo heute noch Gemeinde- und Pastoralreferentinnen und –referenten in den Pfarrgemeinden wichtige Aufgaben in der Glaubensweitergabe übernehmen, bleibt dieses Feld zukünftig zunehmend unbeackert.
Bei den Kirchensteuereinnahmen ist damit auch für das kommende Jahrzehnt noch mit einem leichten Wachstum zu rechnen, so Dr. Martin Günnewig, stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Finanzen. Er verdeutlichte anhand einer bereits 2014 veröffentlichten und fortgeschriebenen Projektion, dass die Personal- und Sachkosten im kommenden Jahrzehnt die Einnahmen allmählich ein- und überholen werden. Da wir auf einer soliden materiellen Basis stehen, ist diese Gestaltungsaufgabe eine Herausforderung, aber zu bewältigen.
Er veranschaulichte deren Größenordnung durch Vergleiche mit Aufgaben, für die das Erzbistum gegenwärtig jeweils etwa 5 Mio. Euro jährlich aufwendet: so für die Häuser der Priesterausbildung Collegium Albertinum, Priesterseminar und Redemptoris Mater oder für erzbischöfliche Schulen in der Stadt Köln (Ursulinen-, Domsing-, Liebfrauen- und Irmgardisschule); ebenso wie für die 68 katholischen Kindertagesstätten im Rhein-Erft-Kreis, oder beispielsweise für die Jugendverbände und –vereine, oder die Haftpflicht- und Gebäudeversicherung für Erzbistum und seine Kirchengemeinden, oder auch für das Domradio. Jeder dieser beispielhaft aufgeführten Arbeitsbereiche „kostet“ das Erzbistum etwa 5 Mio. Euro jährlich.