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Erzbistum startet wissenschaftliches Projekt zu sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt am "Collegium Josephinum Bad Münstereifel"

Ehemalige können sich melden - Woelki bittet um Entschuldigung
28. Januar 2015; (PEK150128)

Lenkungsauschuss: v.l.n.r.: Rechtsanwältin + Mediatorin Dr. Bettina Janssen (Projektleiterin), Prof. em. Dr. Arnfried Bintig, Dr. Daniela Schrader, Thomas Juncker, Prof. Dr. Claudia Bundschuh, Generalvikar Dr. Stefan Heße (ernannter Erzbischof von Hamburg), Prof. Dr. Werner Becker (Ehemaliger Internatsschüler, Vertreter der Betroffeneninteressen)

Köln. Fünf ehemalige Schüler des Collegium Josephinum in Bad Münstereifel haben sich seit 2010 an das Erzbistum Köln gewandt und als Opfer sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt gemeldet. Außerdem berichteten sie, dass es an dem ehemaligen Erzbischöflichen Konvikt, einem 1997 aufgegebenen Internat für Jungen, ein System des Machtmissbrauchs und der Begünstigung, aber auch des Wegschauens gegeben hat. Aktenkundig sind Fälle seit den 1950er Jahren.

 

Kardinal Woelki bittet um Entschuldigung

„Ich habe großen Respekt vor dem Mut der Betroffenen, ihr Leid öffentlich zu machen und damit auch andere Betroffene zur Offenlegung zu ermutigen“, sagt Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki. „Für sie bedeutet dies einen enormen Kraftakt. Ich bitte sie und alle betroffenen ehemaligen Schüler des Konvikts um Entschuldigung für das, was ihnen von kirchlichen Mitarbeitern angetan wurde. Mit der Ermöglichung eines wissenschaftlichen Projekts übernimmt das Erzbistum Köln Verantwortung für die Taten.“

 

Auf Initiative ehemaliger Betroffener startet nun ein wissenschaftliches Projekt zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt am Collegium Josephinum Bad Münstereifel. Es soll ein Projekt zur Aufarbeitung mit und für Betroffene sein, das sich an ihrem Erleben und ihren Bedürfnissen orientiert. Oberstes Ziel ist es, ehemaligen Betroffenen die Gelegenheit und einen geschützten Raum zu bieten, ihre Erlebnisse und Erfahrungen offenzulegen und möglichst Entlastung, Hilfe und Unterstützung zu erfahren. Gegebenenfalls können aus den Erfahrungen der Betroffenen auch Anhaltspunkte für die Präventionsarbeit entwickelt werden.

 

Mitinitiator wurde selbst Opfer

Prof. Dr. Werner Becker ist als ehemaliger Internatsschüler Vertreter der Betroffeneninteressen und Mitinitiator des Projekts: „In einem streng katholisch geprägten Elternhaus waren mir Leitregeln von Ethik und Moral vorgegeben: Ohne Wenn und Aber war ein Priester der höchste Vertreter dieses Weltbildes und damit absolut unangreifbar. Somit war auch klar, dass jedwede mögliche Kritik an einem Priester völlig unangebracht war und ein bestrafungswürdiges ‚Delikt‘ darstellte. Aus dieser Not des ‚Verschweigen müssen‘ ergab sich für mich ein Verdrängen der tiefen seelischen Wunden aus meinem Bewusstsein, und das über einen Zeitraum von über 50 Jahren.“

 

Mit der wissenschaftlichen Projektleitung soll Prof. Dr. Claudia Bundschuh vom Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein in Mönchen­gladbach beauftragt werden. Sie verfügt über langjährige Praxis- und Forschungserfahrung zum Thema sexueller Missbrauch: „Mir ist es wichtig, dass sich Betroffene im Projekt gehört fühlen und wir gemeinsam Wege suchen, die ihnen bei der Verarbeitung ihrer Erfahrungen hilfreich sind.“ Erfahrungen und Ergebnisse will Bundschuh spätestens Ende 2016 veröffentlichen. Ihre Beauftragung erfolgte auf Empfehlung des Arbeitsstabes des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig. Finanziert wird das wissenschaftliche Projekt, das bereits unter dem inzwischen emeritierten Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner begonnen wurde, vom Erzbistum Köln.

 

Zur Qualitätssicherung wird das Projekt begleitet von einem Lenkungsausschuss unter der Leitung der Justitiarin des Erzbistums Köln, Dr. Daniela Schrader. Neben Prof. Dr. Bundschuh und Prof. Dr. Becker arbeitet Prof. Dr. Arnfried Bintig, emeritierter Professor für Klinische und Rechtspsychologie an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Fachhochschule Köln, im Lenkungsausschuss mit. Er hat bereits ein ähnliches Projekt zu Grenzverletzungen im Bonner „AKO-PRO-Seminar e.V.“ der Jesuiten geleitet. Seitens des Erzbistums Köln ist außerdem Kommunikationsdirektor Thomas Jun­cker Mitglied des Lenkungsausschusses. Die operative Projektleitung hat die Rechtsanwältin und Mediatorin Dr. Bettina Janssen.

 

Ehemalige sind zu Auftaktveranstaltung im März eingeladen

Um das Projekt bekannt zu machen und Anliegen von Betroffenen und Zeugen der zurückliegenden Gewalttaten in Erfahrung zu bringen und zu besprechen, sind ehemalige Schüler und Lehrer des Collegium Josephinum zu einer Auftaktveranstaltung am Samstag, 28. März 2015 ab 10.30 Uhr in die Ursulinenschule, Machabäerstraße 47, 50668 Köln eingeladen.

 

Erste Informationen zu dem Projekt sind online unter  www.pro-cj.de abrufbar. Ehemalige Schüler, die sexuellen Missbrauch oder körperliche Gewalt am Collegium Josephinum Bad Münstereifel erleben mussten oder Beiträge zur Aufklärung leisten möchten, können sich ab sofort unter der E-Mail-Adresse  info@pro-cj.de melden. Ab Mitte Februar sollen auch telefonische Ansprechpersonen auf der Homepage bekanntgegeben werden.

 

Links:

Bericht zu ehemaligem Internat: Jungen erlebten Gewalt

Bad Münstereifel - Forschungsprojekt - Zwischenbericht
22. Februar 2016; (PEK160222 - he)

Köln / Bad Münstereifel. Ein Jahr nach Beginn des Projekts zur wissenschaftlichen Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch, physischer und psychischer Gewalt am 1997 aufgegebenen Collegium Josephinum Bad Münstereifel steht fest: Auch im Konvikt Bad Münstereifel hat es mehrfach Gewalt gegen Jungen in unterschiedlicher Form gegeben. Das haben die inzwischen zahlreichen Gespräche und Interviews mit Ehemaligen ergeben. Zu den berichteten Gewalttaten zählen sexuelle Übergriffe, sexueller Kindesmissbrauch bzw. Missbrauch von Schutzbefohlenen, Erziehungsgewalt durch Ohrfeigen, Misshandlung z. B. durch Faustschläge und Tritte sowie durch psychische Gewalt, etwa durch verbale Demütigungen und Abwertungen.

 

Nicht Taten eines Einzelnen

Bis weit in die 1970er Jahre beeinflusste Gewalt die Lebensrealität von offensichtlich nicht wenigen Kindern und Jugendlichen im Internat. Diese Erfahrung beeinträchtigt manche Betroffene bis in die Gegenwart schwer. Nach bisheriger Datenlage kann erst ab Mitte der 1980er Jahre von einem Ende der sexuellen und körperlichen Gewalt im Collegium Josephinum gesprochen werden. Ehemalige, die das Konvikt seitdem besucht haben, berichten fast durchgängig über eine sehr fürsorgliche, wohlwollende und unterstützende Betreuung und Erziehung im Internat, die das Empfinden einer tragenden Gemeinschaft bestärkte.

 

Nach Schilderungen der Betroffenen war die Gewaltausübung nicht die Tat eines Einzelnen. Vielmehr wurden bislang insgesamt sechs im Internat tätige Fachkräfte in unterschiedlichen Positionen von den Opfern als gewalttätig in einer oder mehreren der genannten Formen beschuldigt. Eine Lehrkraft, die Jungen außerhalb des Internats Nachhilfe erteilte, wurde als weitere Person der schweren Gewaltausübung beschuldigt.

 

Ehemalige sollen sich weiter melden

Mit dem Zwischenbericht hofft das Projektteam, weitere Betroffene zu einer Mitwirkung an der Aufarbeitung zu ermutigen. „Es ist uns ein großes Anliegen, Ehemalige des Internats, die Gewalt erfahren haben, zu einem kleinen Schritt aus der gefühlten Isolation zu helfen“, so die wissenschaftliche Projektleiterin Prof. Dr. Claudia Bundschuh. „Die Überzeugung ‚mit mir stimmt etwas nicht‘, ‚ich bin nicht in Ordnung‘, ‚ich bin selbst schuld‘ lässt Opfer häufig glauben, dass sie Wertschätzung und Anerkennung, Mitgefühl und Trost für erlittenes Leid nicht verdient hätten. Wir möchten ihnen deutlich machen, dass sie ein Recht darauf haben, Gehör zu bekommen. Und wir wollen Opfern die Gelegenheit geben, sich durch die Offenlegung ihrer Erfahrungen mindestens ein klein wenig zu entlasten“, so die Erziehungswissenschaftlerin von der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Ihr ist wichtig: „Weiterhin steht das Projekt auch Ehemaligen offen, die ihre Zeit im Internat als biografisch wertvollen Lebensabschnitt betrachten. Auch die Offenlegung ihrer Erfahrungen ist ein wichtiger Beitrag, um die Geschichte des Internats im Abschlussbericht realitätsnah nachzuzeichnen.“

 

Damit dies gelingt, sollen in dem Forschungsprojekt noch möglichst viele Ehemalige gehört und ihre Erfahrungen in ihrer ganzen Bandbreite einbezogen werden. Voraussichtlicher Abschluss der Interviews ist der 30. Mai 2016. Bis dahin können interessierte Ehemalige des Konvikts weiterhin per Mail über info@pro-cj.de oder mündlich unter der Telefonnummer 0800 0005534 kostenfrei einen Gesprächstermin vereinbaren.

 

Das wissenschaftliche Projekt zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs körperlicher und psychischer Gewalt am Collegium Josephinum Bad Münstereifel war Anfang 2015 auf Initiative ehemaliger Betroffener begonnen worden. Es stellt die Aufarbeitung mit und für Betroffene in den Mittelpunkt; sie orientiert  sich an ihrem Erleben und ihren Bedürfnissen orientiert. Oberstes Ziel ist es, ehemaligen Betroffenen die Gelegenheit und einen geschützten Raum zu bieten, ihre Erlebnisse und Erfahrungen offenzulegen.

 

Weitere Informationen:  info@pro-cj.de

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