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Collegium Josephinum: Wissenschaftliches Projekt beendet

Endbericht - Mit und für Betroffene - Aufarbeitung Gewalterfahrungen
13. September 2017; pek170913

Der Abschlussbericht der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Gewalt und Missbrauch am Collegium Josephinum Bad Münstereifel wurde veröffentlicht.

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Der Abschlussbericht der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Gewalt und Missbrauch am Collegium Josephinum Bad Münstereifel wurde veröffentlicht.

Köln / Bad Münstereifel. Das wissenschaftliche Projekt zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch, physischer und psychischer Gewalt am Konvikt Collegium Josephinum in Bad Münstereifel hat seinen Endbericht vorgelegt. Wie Projektleiterin Prof. Dr. Claudia Bundschuh heute in Köln erläuterte, hat es an dem Konvikt, einer 1997 aufgegebenen Einrichtung für Jungen, mindestens seit den 1950er Jahren wiederholt Gewalt gegen Minderjährige in unterschiedlicher Form gegeben, einige Aussagen reichen sogar bis in die 1940er Jahre. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass „eine vergleichsweise hohe Zahl an Fachkräften“ ihre Macht missbraucht habe, „um die Befriedigung eigener Interessen und Bedürfnisse durchzusetzen. Es ist daher berechtigt, zumindest bis in die 1970er Jahre von einem ‚System des Machtmissbrauchs‘ zu sprechen.“

 

Kölns Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, sagte bei der Vorlage des Endberichtes: „Die Gewissheit, dass in Einrichtungen unseres Erzbistums über viele Jahre jungen Menschen schlimmes Leid zugefügt wurde, noch dazu auch von Priestern, gehört zu den schwersten Erkenntnissen, mit denen ich in meinem bischöflichen Dienst umgehen muss, und erfüllt mich mit großer Trauer.“

 

Das wissenschaftliche Projekt war 2015 auf Initiative von Betroffenen gestartet worden. Oberstes Ziel war es, Ehemaligen mit Gewalterfahrungen in ihrer jetzigen Lebenssituation hilfreich zu sein. Das Projekt war daher so angelegt, dass die Betroffenen mit ihren Anliegen und Interessen maßgebend für die Gestaltung des Projekts und des Endberichts waren. So erklärte die Autorin des Endberichts Prof. Dr. Claudia Bundschuh: „In diesem Endbericht reden die Ehemaligen selbst. Es ist kein Bericht über Betroffene, sondern ein Bericht von den Betroffenen. Alle Ehemaligen mit Gewalterfahrungen kommen zu Wort. Sie leisten damit den entscheidenden Beitrag zur Bewusstmachung der Vielfalt, Folgen und Begünstigung von Gewalthandlungen im Konvikt.“ Finanziert wurde das wissenschaftliche Projekt, das bereits unter dem inzwischen verstorbenen Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner begonnen wurde, vom Erzbistum Köln.

 

Seit Beginn des Projektes haben rund 100 Ehemalige des Konvikts schriftlich oder mündlich ihre Erfahrungen mitgeteilt. Das Datenmaterial umfasste nach Abschluss der Interviewphase rund 1.000 Seiten. Die Mehrzahl der Mitwirkenden hat Gewalt erlebt oder als Zeuge miterlebt. Diese Gruppe der Ehemaligen bewertete selbst erlebte oder beobachtete Gewalt als dominantes Merkmal des Umgangs der Fachkräfte mit den Jungen, das ihren Lebensalltag im Konvikt prägte. Eine kleinere Anzahl von Mitwirkenden beschrieb altersgerechte Fürsorge und (weitgehende) Gewaltfreiheit als zentrale Merkmale des eigenen Aufenthalts. Diese Ergebnisse lassen keinen Schluss zu über die tatsächliche Anzahl von Gewaltopfern im Collegium Josephinum Bad Münstereifel und über das Verhältnis von Ehemaligen mit und ohne Gewalterfahrungen. Sie geben jedoch hinreichend Grund zur Annahme, dass im Umgang der Fachkräfte mit den Kindern und Jugendlichen im Konvikt über die Jahrzehnte ein Wandel stattgefunden hat, der Ehemaligen in der letzten Epoche des Konvikts bis zur Schließung zugutekam. Hilfs- und Beratungsangebote, wie sie in den vergangenen Jahren angeboten und entwickelt werden konnten, zeigten sich auch als hilfreich bei der Bewältigung des Erlebten.

 

Zur Qualitätssicherung wurde das Projekt begleitet von einem Lenkungsausschuss unter der Leitung der Justitiarin des Erzbistums Köln, Dr. Daniela Schrader. Die Beauftragung von Prof. Dr. Claudia Bundschuh erfolgte auf Empfehlung des Arbeitsstabes des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig. Neben Prof. Dr. Bundschuh sowie Prof. Dr. Werner Becker, Gisbert Schneider und einem weiteren Vertreter der Betroffenen arbeitete Prof. Dr. Arnfried Bintig, emeritierter Professor für Klinische und Rechtspsychologie an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Fachhochschule Köln, im Lenkungsausschuss mit. Die operative Projektleitung lag bei der Rechtsanwältin und Mediatorin Dr. Bettina Janssen. Für das Erzbistum Köln nahm weiterhin Pressesprecher Christoph Heckeley am Ausschuss teil.

 

Anliegen vieler Betroffener war, für ihre Situation und ihre Erfahrungen Gehör zu finden und die Tragweite der persönlichen Gewalterfahrungen anerkannt zu bekommen. Als weitere Wünsche wurden sichtbare Konsequenzen aus den Erkenntnissen des Berichtes gefordert, die sich nach Ansicht der Betroffenen in der kirchlichen Schul- und Erziehungsarbeit, der Priesterausbildung und der Sexuallehre zeigen müssen.

 

Kardinal Woelki betonte die Folgen des Berichts für die Zukunft: „Das zu Tage gebrachte Versagen auf Seiten des schulischen und kirchlichen Systems muss für uns Anlass dafür sein, selbstkritisch alles zu prüfen, was die Verbrechen begünstigt hat. Solche Verbrechen dürfen in unseren Einrichtungen nie wieder begangen werden. Wir tun alles, sie zu verhindern.“

 

Zu den berichteten Gewalttaten zählen sexuelle Übergriffe, sexueller Kindesmissbrauch bzw. Missbrauch von Schutzbefohlenen, Erziehungsgewalt durch Ohrfeigen, Misshandlung z. B. durch Faustschläge und Tritte sowie durch psychische Gewalt, etwa durch verbale Demütigungen und Abwertungen. Diese Erfahrung beeinträchtigt manche Betroffene bis in die Gegenwart schwer. Nach ihren Schilderungen wurden sieben Fachkräfte, die mit einer Ausnahme alle Priester im Konvikt waren, namentlich der Ausübung von sexueller Gewalt beschuldigt. Die Erscheinungsformen reichten von sexuellen Übergriffen unterhalb der Strafbarkeit bis zu sexuellen Handlungen, die nach heute geltendem Recht als sexueller Kindesmissbrauch (§ 176 StGB) bzw. Missbrauch von Schutzbefohlenen (174 StGB) mit Strafen belegt würden. Zur geschilderten physischen Gewalt gehörten u. a. Misshandlungen durch Schläge mit Gegenständen oder Tritte, Züchtigungen mit nachhaltigen Verletzungen und Erziehungsgewalt in Form von Ohrfeigen. Hier wurden zwölf Fachkräfte namentlich beschuldigt, vier waren Priester, einer gehörte nicht zum Personal des Konvikts.

 

Schilderungen der ehemaligen Leitungspersonen machen deutlich, dass es seitens des Trägers, des Erzbistums Köln, keine Vorgaben für die Erziehungs- und Bildungsmethoden der Jungen im Konvikt gab; zudem fehlen Hinweise darauf, dass der Träger die Praxis im Konvikt kontrolliert bzw. auf der Basis von Qualitätsstandards überprüft hätte.

 

Der Bericht stellt einen Bezug zu der damaligen gesellschaftlichen Situation her, weil beispielsweise körperliche Züchtigung von Kindern und Jugendlichen in früheren Jahrzehnten gängige oder gar tolerierte Erziehungspraxis gewesen ist. Dies darf jedoch ausdrücklich nicht als Entschuldigung gewertet werden: Politische oder kulturelle Akzeptanz von Gewaltausübung hat keinen Einfluss auf das Erleben von Gewalt. Es ist folglich psychologisch und ethisch nicht vertretbar, Betroffenen aus früheren Zeiten unter Bezug auf damals herrschende gesellschaftliche Rahmenbedingungen eine Würdigung ihrer Opfererfahrungen abzusprechen.

 

Für das Verständnis der Auswirkungen von Sozialisationserfahrungen im Konvikt sind auch die Berichte der tertiär Betroffenen eine wertvolle Hilfe. Darunter versteht der Bericht Personen, die u.a. durch gesellschaftliche Reaktionen auf Gewalttaten an anderen Personen beeinträchtigt worden sind. Ihre Schilderungen, insbesondere mit Aufenthalt in den 1980er und 1990er Jahren, machen deutlich, dass Erziehung und Bildung in einer Einrichtung wie dem Konvikt zielführend ist, wenn sie den kindlichen und jugendlichen Bedürfnissen entsprechen: Gewaltfreiheit, Zuwendung, individuelle Förderung und Wertschätzung der kindlichen und jugendlichen Persönlichkeit haben hier nachhaltige Auswirkungen in positiver Weise gezeigt. Die Ausführungen der tertiär Betroffenen verdeutlichten im Rahmen der wissenschaftlichen Aufarbeitung, dass es ehemalige Schüler gibt, die keine körperliche und sexualisierte Gewalt im Konvikt erfahren oder beobachtet haben.

 

Der Endbericht zum wissenschaftlichen Projekt wird als Buch im Verlag Katholisches Bibelwerk der Deutschen Bischofskonferenz in den Handel kommen, um eine möglichst hohe Transparenz und Zugänglichkeit der Ergebnisse zu sichern.

 

Erkenntnisse des Berichts werden in den kommenden Monaten außerdem in verschiedenen Gremien des Erzbistums Köln vorgestellt und unter anderem mit den Verantwortlichen in der Priesterausbildung, der Schul- und Hochschularbeit sowie der Seelsorge diskutiert werden.

 

Mit dem Endbericht ist der umfangreiche Komplex an Themen und Herausforderungen somit explizit nicht zu den Akten gelegt. Auch in der Folge sollen Betroffene zu einer Mitwirkung an der Aufarbeitung ermutigt werden. Betroffene können sich weiterhin per Mail über info@pro-cj.de melden.

 

Auf Basis der Aussagen von Betroffenen hat das Erzbistum mehrere Verfahren entsprechend den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz eingeleitet. Wenn sich zusätzliche Erkenntnisse aus weiteren Meldungen ergeben, wird das Erzbistum die Wiederaufnahme auch bereits geschlossener Verfahren prüfen.

 

Weitere Informationen zum Projekt: www.pro-cj.de. Der Endbericht ist online verfügbar unter www.pro-cj.de oder www.erzbistum-koeln.de. Der Endbericht kann in gedruckter Form bestellt werden unter  www.bibelwerk.de/abschlussbericht 

 

Anlaufstelle für Betroffene sowie Rat und weiterführende Informationen:
Erzbistum Köln, Stabsstelle Intervention, Tel.: 0221-1642 1821
Online-Formular und direkte Ansprechpartner:
www.erzbistum-koeln.de/rat_und_hilfe/sexueller_missbrauch/kontakt/

Datei-Anhänge:

Links:

Bericht zu ehemaligem Internat: Jungen erlebten Gewalt

Bad Münstereifel - Forschungsprojekt - Zwischenbericht
22. Februar 2016; (PEK160222 - he)

Köln / Bad Münstereifel. Ein Jahr nach Beginn des Projekts zur wissenschaftlichen Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch, physischer und psychischer Gewalt am 1997 aufgegebenen Collegium Josephinum Bad Münstereifel steht fest: Auch im Konvikt Bad Münstereifel hat es mehrfach Gewalt gegen Jungen in unterschiedlicher Form gegeben. Das haben die inzwischen zahlreichen Gespräche und Interviews mit Ehemaligen ergeben. Zu den berichteten Gewalttaten zählen sexuelle Übergriffe, sexueller Kindesmissbrauch bzw. Missbrauch von Schutzbefohlenen, Erziehungsgewalt durch Ohrfeigen, Misshandlung z. B. durch Faustschläge und Tritte sowie durch psychische Gewalt, etwa durch verbale Demütigungen und Abwertungen.

 

Nicht Taten eines Einzelnen

Bis weit in die 1970er Jahre beeinflusste Gewalt die Lebensrealität von offensichtlich nicht wenigen Kindern und Jugendlichen im Internat. Diese Erfahrung beeinträchtigt manche Betroffene bis in die Gegenwart schwer. Nach bisheriger Datenlage kann erst ab Mitte der 1980er Jahre von einem Ende der sexuellen und körperlichen Gewalt im Collegium Josephinum gesprochen werden. Ehemalige, die das Konvikt seitdem besucht haben, berichten fast durchgängig über eine sehr fürsorgliche, wohlwollende und unterstützende Betreuung und Erziehung im Internat, die das Empfinden einer tragenden Gemeinschaft bestärkte.

 

Nach Schilderungen der Betroffenen war die Gewaltausübung nicht die Tat eines Einzelnen. Vielmehr wurden bislang insgesamt sechs im Internat tätige Fachkräfte in unterschiedlichen Positionen von den Opfern als gewalttätig in einer oder mehreren der genannten Formen beschuldigt. Eine Lehrkraft, die Jungen außerhalb des Internats Nachhilfe erteilte, wurde als weitere Person der schweren Gewaltausübung beschuldigt.

 

Ehemalige sollen sich weiter melden

Mit dem Zwischenbericht hofft das Projektteam, weitere Betroffene zu einer Mitwirkung an der Aufarbeitung zu ermutigen. „Es ist uns ein großes Anliegen, Ehemalige des Internats, die Gewalt erfahren haben, zu einem kleinen Schritt aus der gefühlten Isolation zu helfen“, so die wissenschaftliche Projektleiterin Prof. Dr. Claudia Bundschuh. „Die Überzeugung ‚mit mir stimmt etwas nicht‘, ‚ich bin nicht in Ordnung‘, ‚ich bin selbst schuld‘ lässt Opfer häufig glauben, dass sie Wertschätzung und Anerkennung, Mitgefühl und Trost für erlittenes Leid nicht verdient hätten. Wir möchten ihnen deutlich machen, dass sie ein Recht darauf haben, Gehör zu bekommen. Und wir wollen Opfern die Gelegenheit geben, sich durch die Offenlegung ihrer Erfahrungen mindestens ein klein wenig zu entlasten“, so die Erziehungswissenschaftlerin von der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Ihr ist wichtig: „Weiterhin steht das Projekt auch Ehemaligen offen, die ihre Zeit im Internat als biografisch wertvollen Lebensabschnitt betrachten. Auch die Offenlegung ihrer Erfahrungen ist ein wichtiger Beitrag, um die Geschichte des Internats im Abschlussbericht realitätsnah nachzuzeichnen.“

 

Damit dies gelingt, sollen in dem Forschungsprojekt noch möglichst viele Ehemalige gehört und ihre Erfahrungen in ihrer ganzen Bandbreite einbezogen werden. Voraussichtlicher Abschluss der Interviews ist der 30. Mai 2016. Bis dahin können interessierte Ehemalige des Konvikts weiterhin per Mail über info@pro-cj.de oder mündlich unter der Telefonnummer 0800 0005534 kostenfrei einen Gesprächstermin vereinbaren.

 

Das wissenschaftliche Projekt zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs körperlicher und psychischer Gewalt am Collegium Josephinum Bad Münstereifel war Anfang 2015 auf Initiative ehemaliger Betroffener begonnen worden. Es stellt die Aufarbeitung mit und für Betroffene in den Mittelpunkt; sie orientiert  sich an ihrem Erleben und ihren Bedürfnissen orientiert. Oberstes Ziel ist es, ehemaligen Betroffenen die Gelegenheit und einen geschützten Raum zu bieten, ihre Erlebnisse und Erfahrungen offenzulegen.

 

Weitere Informationen:  info@pro-cj.de

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Erzbistum startet wissenschaftliches Projekt zu sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt am "Collegium Josephinum Bad Münstereifel"

Ehemalige können sich melden - Woelki bittet um Entschuldigung
28. Januar 2015; (PEK150128)

Lenkungsauschuss: v.l.n.r.: Rechtsanwältin + Mediatorin Dr. Bettina Janssen (Projektleiterin), Prof. em. Dr. Arnfried Bintig, Dr. Daniela Schrader, Thomas Juncker, Prof. Dr. Claudia Bundschuh, Generalvikar Dr. Stefan Heße (ernannter Erzbischof von Hamburg), Prof. Dr. Werner Becker (Ehemaliger Internatsschüler, Vertreter der Betroffeneninteressen)

Köln. Fünf ehemalige Schüler des Collegium Josephinum in Bad Münstereifel haben sich seit 2010 an das Erzbistum Köln gewandt und als Opfer sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt gemeldet. Außerdem berichteten sie, dass es an dem ehemaligen Erzbischöflichen Konvikt, einem 1997 aufgegebenen Internat für Jungen, ein System des Machtmissbrauchs und der Begünstigung, aber auch des Wegschauens gegeben hat. Aktenkundig sind Fälle seit den 1950er Jahren.

 

Kardinal Woelki bittet um Entschuldigung

„Ich habe großen Respekt vor dem Mut der Betroffenen, ihr Leid öffentlich zu machen und damit auch andere Betroffene zur Offenlegung zu ermutigen“, sagt Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki. „Für sie bedeutet dies einen enormen Kraftakt. Ich bitte sie und alle betroffenen ehemaligen Schüler des Konvikts um Entschuldigung für das, was ihnen von kirchlichen Mitarbeitern angetan wurde. Mit der Ermöglichung eines wissenschaftlichen Projekts übernimmt das Erzbistum Köln Verantwortung für die Taten.“

 

Auf Initiative ehemaliger Betroffener startet nun ein wissenschaftliches Projekt zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt am Collegium Josephinum Bad Münstereifel. Es soll ein Projekt zur Aufarbeitung mit und für Betroffene sein, das sich an ihrem Erleben und ihren Bedürfnissen orientiert. Oberstes Ziel ist es, ehemaligen Betroffenen die Gelegenheit und einen geschützten Raum zu bieten, ihre Erlebnisse und Erfahrungen offenzulegen und möglichst Entlastung, Hilfe und Unterstützung zu erfahren. Gegebenenfalls können aus den Erfahrungen der Betroffenen auch Anhaltspunkte für die Präventionsarbeit entwickelt werden.

 

Mitinitiator wurde selbst Opfer

Prof. Dr. Werner Becker ist als ehemaliger Internatsschüler Vertreter der Betroffeneninteressen und Mitinitiator des Projekts: „In einem streng katholisch geprägten Elternhaus waren mir Leitregeln von Ethik und Moral vorgegeben: Ohne Wenn und Aber war ein Priester der höchste Vertreter dieses Weltbildes und damit absolut unangreifbar. Somit war auch klar, dass jedwede mögliche Kritik an einem Priester völlig unangebracht war und ein bestrafungswürdiges ‚Delikt‘ darstellte. Aus dieser Not des ‚Verschweigen müssen‘ ergab sich für mich ein Verdrängen der tiefen seelischen Wunden aus meinem Bewusstsein, und das über einen Zeitraum von über 50 Jahren.“

 

Mit der wissenschaftlichen Projektleitung soll Prof. Dr. Claudia Bundschuh vom Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein in Mönchen­gladbach beauftragt werden. Sie verfügt über langjährige Praxis- und Forschungserfahrung zum Thema sexueller Missbrauch: „Mir ist es wichtig, dass sich Betroffene im Projekt gehört fühlen und wir gemeinsam Wege suchen, die ihnen bei der Verarbeitung ihrer Erfahrungen hilfreich sind.“ Erfahrungen und Ergebnisse will Bundschuh spätestens Ende 2016 veröffentlichen. Ihre Beauftragung erfolgte auf Empfehlung des Arbeitsstabes des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig. Finanziert wird das wissenschaftliche Projekt, das bereits unter dem inzwischen emeritierten Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner begonnen wurde, vom Erzbistum Köln.

 

Zur Qualitätssicherung wird das Projekt begleitet von einem Lenkungsausschuss unter der Leitung der Justitiarin des Erzbistums Köln, Dr. Daniela Schrader. Neben Prof. Dr. Bundschuh und Prof. Dr. Becker arbeitet Prof. Dr. Arnfried Bintig, emeritierter Professor für Klinische und Rechtspsychologie an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Fachhochschule Köln, im Lenkungsausschuss mit. Er hat bereits ein ähnliches Projekt zu Grenzverletzungen im Bonner „AKO-PRO-Seminar e.V.“ der Jesuiten geleitet. Seitens des Erzbistums Köln ist außerdem Kommunikationsdirektor Thomas Jun­cker Mitglied des Lenkungsausschusses. Die operative Projektleitung hat die Rechtsanwältin und Mediatorin Dr. Bettina Janssen.

 

Ehemalige sind zu Auftaktveranstaltung im März eingeladen

Um das Projekt bekannt zu machen und Anliegen von Betroffenen und Zeugen der zurückliegenden Gewalttaten in Erfahrung zu bringen und zu besprechen, sind ehemalige Schüler und Lehrer des Collegium Josephinum zu einer Auftaktveranstaltung am Samstag, 28. März 2015 ab 10.30 Uhr in die Ursulinenschule, Machabäerstraße 47, 50668 Köln eingeladen.

 

Erste Informationen zu dem Projekt sind online unter  www.pro-cj.de abrufbar. Ehemalige Schüler, die sexuellen Missbrauch oder körperliche Gewalt am Collegium Josephinum Bad Münstereifel erleben mussten oder Beiträge zur Aufklärung leisten möchten, können sich ab sofort unter der E-Mail-Adresse  info@pro-cj.de melden. Ab Mitte Februar sollen auch telefonische Ansprechpersonen auf der Homepage bekanntgegeben werden.

 

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