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Chancen für Straßenkinder in Mexiko-Stadt - Reportage über Hilfsprojekt

Adveniat-Weihnachtsaktion "Faire Arbeit. Würde. Helfen." - Mädchenprojekt
21. Dezember 2017; Adveniat, Text: Sandra Weiss

 Zwischen Windeln und Projektanträgen: Indira Berrotarán (links) ist die gute Seele des Projekts Yolia in Mexiko-Stadt. Sie betreut in einem Problemviertel eine Kinderkrippe mit 60 Ein-bis Sechsjährigen aus Problemfamilien.

Fotos ►

Die ehemalige Ordensschwester Indira Berrotarán ist die gute Seele des Projekts Yolia in Mexiko-Stadt. Sie betreut in einem Problemviertel eine Kinderkrippe mit 60 Ein-bis Sechsjährigen aus Problemfamilien. Ausserdem ist sie im Mädchenheim Ersatzmutter für zwei Dutzend Mädchen, die vom Sozialamt an Yolia überwiesen wurden und dort eine Ersatzfamilie finden. Im Viertel Olivar del Conde leben die Ärmsten der Armen an den Bahnschienen in Hütten aus Wellblech und Pappe. Im Projekt Yolia arbeiten auch immer wieder Freiwillige aus Deutschland mit (Programm Weltwärts-entwicklungspolitischer Freiwilligendienst). Die ehemalige Ordensschwester Indira Berrotarán gibt den Kindern Katecheseunterricht.

Mehr als 400 Straßenkinder haben in dem Projekt Yolia eine zweite Chance bekommen – so wie Guadalupe. Sie wurde von den Großeltern gezwungen, Süßigkeiten auf den Straßen von Mexiko-Stadt zu verkaufen. Heute sucht die 13-Jährige Guadelupe zwischen Schule und Fußballplatz einen neuen Weg.

 

"Ich habe niemand mehr"

Auf dem verblassten Foto, das Guadalupe Alvarado in der Wellblechhütte in Mexiko-Stadt gefunden hat, ist eine junge Frau zu sehen: kurzes Haar, keckes Gesicht mit Sommersprossen – ganz so wie ihres. Doch im Gegensatz zu ihrer sportlichen, kräftigen Figur wirkt die dunkelhaarige Frau auf dem Foto ausgezehrt und vorzeitig gealtert. Es sind die Spuren von Crack und anderen harten Drogen. Guadalupe blickt lange auf das Foto, kämpft mit den Tränen und hält es dann Sozialarbeiterin Indira Berroterán hin: „Das war meine Mutter.“ Berroterán schließt die 13-Jährige in ihre Arme. Vor einem Jahr kam Guadalupe direkt von der Straße ins Büro der Organisation Yolia: zerzaust, verlaust, mit abgerissenen Klamotten. „Jetzt sind auch noch meine Großeltern gestorben. Ich habe niemand mehr, und ich will bei euch bleiben.“

 

Mädchenprojekt Yolia bietet erste Hilfe

Die Sozialarbeiterinnen kannten das rebellische Mädchen schon von ihren Rundgängen durch Mexiko-Stadt. Mehrfach hatten sie Guadalupe in das vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützte Mädchenprojekt eingeladen. Doch sie war nie lange geblieben. Sie könne ihre Familie nicht im Stich lassen – und schon war Guadalupe nach einer Suppe, einem Fußballspiel oder einer warmen Dusche wieder auf der Straße.

 

Vom alkoholabhängigen Großvater geschlagen

Auf der Straße verkaufte Guadelupe Süßigkeiten. Brachte sie nicht genügend Geld nach Hause, schlug sie der alkoholabhängige Großvater. Mit den Einnahmen hielt Guadalupe Großeltern, Cousinen, Tanten und Onkel über Wasser. Die meisten von ihnen drogenabhängig oder vorbestraft, alle bettelarm. Viele von ihnen wohnen noch heute in den armseligen Hütten aus Pappkarton, Sperrholz und Wellblech entlang der stillgelegten Bahngleise im Stadtteil Santa María la Ribera. „Ich bin so froh, dass Guadalupe jetzt bei Yolia ist“, sagt ihre Tante Rosa. „Hier hat sich doch niemand um sie gekümmert.“

 

Es war ein Leben ohne Regeln, ohne Schule, ohne Zärtlichkeit.

Zu ihrer Verwandtschaft zurückzukehren, selbst für einen kurzen Besuch, ist nicht einfach für Guadalupe. Hin- und hergerissen umarmt sie ihren gerade aus dem Gefängnis entlassenen Onkel, dann einen kleinen Jungen und eine Cousine in Schuluniform. Sie winkt dem Nachbarn zu, der sich noch verschlafen um seinen angeketteten Pitbull kümmert und den nackten Oberkörper mit einem Eimer unter freiem Himmel wäscht. So lebte auch Guadalupe lange, am Rande einer Gesellschaft, in der sie nie eine Chance bekam. Es war ein Leben ohne Regeln, ohne Schule, ohne Zärtlichkeit. Dafür voller Polizisten, vor denen sie immer wieder davonrennen musste, und voller Trunkenbolde, die sich an ihr vergreifen wollten. Ein Leben mit einem Vater, den sie nur von Fotos kannte, und einer Mutter, die mit wechselnden Männern ankam und meist im Drogenrausch war.

 

„Trotzdem war das meine Familie“, sagt Guadalupe. Der Abschied fiel ihr schwer. Doch ihre Sehnsucht nach Geborgenheit war größer. Und sie weiß, dass sie ihre Chance bei Yolia nicht vergeben darf.

 

Sehnsucht nach Geborgenheit

Einige Stunden später im Wohnheim wirkt sie wie ein normaler Teenager. Kokett posiert sie vor der Kamera, dann schmollt sie – und einige Sekunden später zieht sie den Lipgloss nach und kämmt die Haare zu einem ordentlichen Pferdeschwanz vor dem samstäglichen Katechese-Unterricht. Mal albert sie mit den anderen Mädchen im Wohnheim herum, dann umarmt sie zärtlich Indira Berroterán, die mit drei anderen Sozialarbeiterinnen das Wohnheim betreut. Die 36-Jährige erwidert die Geste, erinnert Guadalupe aber auch an die noch zu erledigenden Hausaufgaben und den Küchendienst. „Frauenherz“ bedeutet das aztekische Wort „Yolia“. Es ist diese mütterliche Mischung aus Liebe und Strenge, die den Mädchen Halt gibt.

 

In 21 Jahren bereits über 400 Mädchen geholfen

„Wir versuchen so gut wie möglich, ihnen eine Familie zu ersetzen“, sagt die aus Venezuela stammende ehemalige Salesianer-Schwester. Mehr als 400 Mädchen haben dank Yolia in den 21 Jahren seit dem Start des Projekts eine neue Chance bekommen. Viele haben sie ergriffen, so wie die Tierärztin Karina, die Kindergärtnerin Maria de Jesús oder die Köchin Gloria.

 

Entstanden ist Yolia mitten in der Wirtschaftskrise der 90er Jahre, als plötzlich die Zahl der Straßenkinder zunahm. Über die Jahre hinweg hat sich der Zuschnitt des Projekts geändert. Im Wohnheim leben heute nur noch die Härtefälle, die vom Sozialamt geschickt werden.

 

Yolia hat sich erweitert, setzt mehr auf Prävention, zum Beispiel mit einer Kinderkrippe, in der Kinder allein erziehender Mütter betreut werden. Der Schönheitssalon bietet den Jugendlichen Fortbildungskurse zur Friseurin und Kosmetikerin an. Oft geht es nur darum, den Mädchen Selbstbewusstsein zu vermitteln und das nötige Wissen und Handwerkszeug mitzugeben. „Ein Mädchen, das ein Ziel vor Augen hat, lässt sich von niemandem aufhalten“, hat Berroterán beobachtet.

 

Das Mädchen Guadelupe hat nun Lebensziele

Guadalupe hat ein Ziel: „Ich will meine Familie da rausholen.“ Dass sie dafür aber erst einmal selbst ihren Weg finden und die Schule absolvieren muss, hat sie inzwischen verstanden. Lesen und schreiben lernte sie in Rekordzeit. Doch in Geografie und Biologie hat sie noch große Lücken. Ihren Rückstand macht sie am liebsten auf dem Fußballplatz wett. Da blüht sie auf, ist ganz konzentriert bei der Sache. Egal ob im Sturm, in der Verteidigung oder im Tor – an Guadalupe kommt so schnell keiner vorbei. „Vielleicht werde ich ja einmal Fußballtrainerin“, sagt die 13-Jährige und lächelt verschwitzt. In diesem Moment wirkt sie wie ein ganz normaler Teenager. Berroterán lächelt zurück. Wie jede Mutter, die weiß, wie viel Mühe, Arbeit und Liebe in einem solchen Moment stecken.

  

Adveniat-Weihnachtsaktion 2017 - "Faire Arbeit. Würde. Helfen."

Unter dem Motto „Faire Arbeit. Würde. Helfen.“ stellt das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat das Recht auf menschenwürdige Arbeit in den Mittelpunkt der bundesweiten Weihnachtsaktion. Die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands ist für Adveniat und die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt.

 

Adveniat-Spendenkonto bei der Bank im Bistum Essen, IBAN: DE03 3606 0295 0000 0173 45.

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