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Aufbruch in die Neuzeit

Das Leben der Gläubigen im Erzbistum Köln des 19. Jahrhunderts

Die Pfarrkirchen
Die wachsende Bevölkerungszahl machte Kirchenneubauten oder Erweiterungen unumgänglich. Bis zum 19. Jahrhundert waren Kirchenneubauten eher Repräsentationsgebäude, danach wurden sie zum Mittelpunkt der örtlichen Seelsorge. Der Wiederbeginn der Arbeiten am Kölner Dom um 1842 prägte auch den künftigen Stil der Kirchen. Die Gotik wurde wieder entdeckt, fälschlicherweise als typisch deutsche Kunstrichtung eingeordnet, und die Vorstellung ein Nationaldenkmal zu errichten. Durch die finanzielle Beteiligung König Friedrich Wilhelm IV. sowie die Spendenfreudigkeit der Katholiken ermöglichten die Fertigstellung des Domes 1880. Mit der Wiederaufnahme der Dombautätigkeit entstand die Neugotik später auch die Neuromanik, die dann die beherrschenden Stile bei der Erweiterung bestehender Kirchen waren. Im Kircheninneren nahm der Hochaltar mit Tabernakel und Expositorium die zentrale Stellung ein, weiterhin musste jede Pfarrkirche über eine Kommunionsbank, Kanzel und Beichtstuhl verfügen.

Gottesdienst und Sakramente
Das Herzstück der Liturgie war die stille Messe und die Singmesse. Der Hauptgottesdienst war das sonntägliche, lateinisch gesungene Hochamt, Latein blieb die beherrschende liturgische Sprache. Der häufigere Kommunionempfang setzte sich im 19. Jahrhundert noch nicht durch, der Brauch, die Erstkommunion mit der Schulentlassung zu feiern setzte sich erst im 10. Jahrhundert durch. Taufe und Beichte wurde nicht mehr in der Sakristei sondern in der Kirche gespendet. Bei Rückgang der Kindersterblichkeit wurden die Kinder nicht mehr direkt am Geburtstag getauft.

 

Es wurden regelmäßige Beichtzeiten festgelegt, meist vor Sonn- und Feiertagen und vor und nach der Frühmesse. Gefirmt wurde regelmäßig besonders bei den Visitationsreisen des Erzbischofs. Die Krankensalbung "letzte Ölung" empfing man nur bei lebensgefährdender Krankheit in Verbindung mit dem Bußsakrament und der Kommunion. Das kirchliche Begräbnis war nicht genau geregelt. Das Ehesakrament wurde linksrheinisch, anders als rechtsrheinisch, nur in Verbindung mit der Ziviltrauung anerkannt.

 

Volksfrömmigkeit und Heiligenverehrung
Die barocke Frömmigkeitspraxis mit der Verehrung der Eucharistie blieb auch im 19. Jahrhundert erhalten. Es gab unterschiedliche Gebetszyklen sowohl zur Anbetung und Dankbarkeit, als auch mit dem Sühnegedanken. Nach dem verkündeten Dogma der Unbefleckten Empfängnis 1854 nahm die Muttergottes die führende Stelle bei den Heiligen ein. Damit verbunden war die Maiandacht, das Rosenkranzgebet und der dreimal am Tage gebetete Engel des Herrn. Der hl. Josef als Zimmermann fand vor allem in Arbeiterkreisen Anklang.


Die Wallfahrt war die auffälligste Form der Heiligenverehrung. Neviges war der größte Marienwallfahrtsort, beliebter waren Wallfahrten auch zu außerhalb der Diözese liegenden Orten wie Kevelaer. Die große Menge der bäuerlichen Heiligen hatte nur lokale Bedeutung. Es gab eine Vielzahl lokaler und kleiner Verehrungsstätten. Die Wallfahrtsabneigung der Aufklärungszeit, selbst Verbote hatten keinen Einfluss auf den Umgang mit Wallfahrten. Die privat Frömmigkeit entzog sich immer stärker der kirchlichen Reglementierung.

Religiöse Erziehung: Schule und Christenlehre
Die Anerkennung der Konfessionsschule durch den preußischen König bot die Voraussetzungen für die religiöse Unterweisung der Kinder. Die Lehrer übernahmen die "biblische Geschichte", die Pfarrer den "Katechismus". Erzbischof Spiegel maß der religiösen schulischen Bildung eine hohe Bedeutung zu. 1823 entstand in Brühl das erste Lehrerseminar für die konfessionelle Lehrerausbildung. 1877 entstand in Xanten ein Seminar für Lehrerinnen. Der Religionsunterricht wies der sonntäglichen durch den Pfarrer gehaltenen "Christenlehre" nur noch eine Ersatzfunktion zu.

 

Feiertag und Fastenpraxis
Rechtsrheinisch kannte man 18, linksrheinisch 4 und im übrigen Preußen 15 staatlich und kirchlich anerkannte Feiertage. 1826 einigte man sich mit einem Kompromiss auf 15 Feiertag einschließlich protestantischer Feiertage. Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts galten strenge Fasten- und Abstinenzgebote. Durch die zunehmende konfessionelle Mischung und die veränderten Arbeitsbedingungen wurden 1847 Erleichterungen geschaffen bzw. wurde die Anzahl der Tage reduziert.

 

Der Katholizismus in Staat und Gesellschaft
In den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts gewannen die Bewegungen, Vereine und Verbände (z.B. der Gesellenverein Adolph Kolping) der Katholiken zunehmend Einfluss in Staat und Gesellschaft. Ein mit Laieninitiative gegründeter Volksverein hatte 1890 schon über 100.000 Mitglieder. 1880 entstand der Verein "Arbeiterwohl" und 1897 der Deutsche Caritas-Verband. Diese Vereine stehen für die Initiativen, die erst im nächsten Jahrhundert ihre volle Wirksamkeit entfalteten.